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Psychologie und Neurowissenschaft im IT-Change: Was beim Lernen neuer Systeme passiert

Autorenbild: Silvia Hildebrandt
Silvia Hildebrandt
20. Juli
7 Min. Lesezeit

Ein neues IT-System wird vorgestellt. Die Oberfläche wirkt übersichtlich, die Funktionen wurden erklärt und die Schulungsunterlagen stehen bereit.

Eigentlich müsste die Anwendung jetzt funktionieren.

Trotzdem suchen Mitarbeitende länger nach Funktionen, vergessen einzelne Schritte oder greifen wieder auf Excel, E-Mail und bekannte Workarounds zurück. Schnell entsteht der Eindruck, Menschen seien nicht veränderungsbereit oder würden sich bewusst gegen das neue System stellen.

Die Psychologie betrachtet diese Situation anders.

Sie fragt nicht zuerst, was mit den Menschen nicht stimmt. Sie untersucht, wie Wahrnehmung, Lernen, Emotionen, Erfahrungen und die konkrete Arbeitsumgebung das Verhalten beeinflussen.

Stilisiertes weiß-blaues Gehirn vor blauem Leiterplatten-Hintergrund
Bildquelle Unplash

Was ist Psychologie eigentlich?


Psychologie ist die Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten.

Zum Erleben gehören beispielsweise:

  • Gedanken und Bewertungen,

  • Gefühle und körperliche Wahrnehmungen,

  • Erwartungen und Befürchtungen,

  • Motivation und Aufmerksamkeit.


Zum Verhalten gehört alles, was Menschen tatsächlich tun: entscheiden, kommunizieren, lernen, vermeiden, ausprobieren oder wiederholen.

Psychologie ist damit weder Menschenkenntnis noch Gedankenlesen. Sie versucht auch nicht, jedes Verhalten auf Persönlichkeit zu reduzieren. Sie untersucht systematisch, wie Menschen Informationen verarbeiten und wie ihr Verhalten aus dem Zusammenspiel von Person, Situation und bisherigen Erfahrungen entsteht.


Im IT-Kontext bedeutet das:

Ein Mitarbeitender nutzt ein System nicht allein deshalb, weil er grundsätzlich technikaffin oder technikfern ist. Sein Verhalten wird ebenso davon beeinflusst, ob das System verständlich ist, welche Konsequenzen Fehler haben, ob bekannte Prozesse weiterhin gelten und wie viel mentale Kapazität ihm in der konkreten Arbeitssituation zur Verfügung steht.


Leuchtende blaue und türkisfarbene Plasmastrahlen in einer Glaskugel auf schwarzem Hintergrund, futuristisch und hypnotisch.
Bildquelle Unplash

Was haben Neurowissenschaften damit zu tun?

Die Neurowissenschaft untersucht das Nervensystem: das Gehirn, das Rückenmark, Nervenzellen und ihre Verbindungen. Sie beschäftigt sich damit, wie Wahrnehmung, Bewegung, Denken, Lernen und Emotionen biologisch ermöglicht und reguliert werden. (NICHD)

Psychologie und Neurowissenschaft betrachten damit teilweise dieselben Phänomene aus unterschiedlichen Perspektiven.


Nehmen wir eine Mitarbeiterin, die ein neues ERP-System nutzen soll:

  • Die Psychologie untersucht, wie sie die Veränderung bewertet, was sie versteht, was sie befürchtet und warum sie bestimmte Handlungen ausführt.

  • Die Neurowissenschaft untersucht, welche neuronalen Netzwerke an Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Fehlererkennung und Lernen beteiligt sind.

  • Die Organisationspsychologie betrachtet zusätzlich Rollen, Führung, Kommunikation und die soziale Umgebung.

  • Die IT-Psychologie verbindet diese Ebenen mit der konkreten Gestaltung und Nutzung des technologischen Systems.


Keine dieser Perspektiven ersetzt die andere.

Ein Gehirnscan erklärt nicht, warum eine Organisation widersprüchliche Prozesse aufgebaut hat. Eine Befragung zeigt umgekehrt nicht unmittelbar, wie Routinen biologisch stabilisiert werden. Erst in der Verbindung entsteht ein vollständigeres Bild.

Das Gehirn arbeitet nie außerhalb der Organisation. Und die Organisation wirkt nie unabhängig vom Gehirn.

Warum ist das für IT-Change relevant?

Ein neues System verändert nicht nur eine Oberfläche. Es greift in bestehende mentale Modelle und eingeübte Handlungen ein.

Erfahrene Mitarbeitende wissen häufig ohne bewusstes Nachdenken:

  • wo sie Informationen finden,

  • welche Reihenfolge funktioniert,

  • welche Abkürzungen erlaubt sind,

  • welche Fehler folgenlos bleiben,

  • wen sie bei Problemen ansprechen müssen.


Dieses Wissen besteht nicht nur aus dokumentierten Prozessschritten. Ein großer Teil wurde durch Erfahrung erworben und automatisiert.

Beim Systemwechsel funktioniert diese Automatisierung zunächst nicht mehr. Die fachliche Kompetenz ist weiterhin vorhanden – aber sie kann noch nicht reibungslos in der neuen Umgebung eingesetzt werden.


Welche Gehirnregionen sind daran beteiligt?

Es gibt kein einzelnes „Change-Zentrum“ im Gehirn. Lernen, Unsicherheit und Entscheidungen entstehen aus dem Zusammenspiel verschiedener Netzwerke.

Die folgenden Regionen sind für das Verständnis besonders relevant.



Stylisierte Gehirnzeichnung mit blau markiertem präfrontalem Cortex auf schwarzem Hintergrund, Text Präfrontaler Cortex.

Präfrontaler Cortex: bewusst planen

Der präfrontale Cortex unterstützt Planung, Arbeitsgedächtnis, Entscheidungen und flexibles Denken.

Grundlegende Fähigkeiten zeigen sich bereits früh. Die beteiligten Netzwerke entwickeln sich jedoch während der gesamten Kindheit und Jugend bis ins junge Erwachsenenalter weiter. Es gibt keinen 25. Geburtstag, an dem der präfrontale Cortex plötzlich fertig wird. Seine Zusammenarbeit mit anderen Regionen wird schrittweise zuverlässiger und effizienter. (Luna et al.)

Beim neuen System wird er besonders benötigt, wenn einzelne Schritte bewusst im Kopf gehalten werden müssen:

„Zuerst öffne ich das Projekt, dann wähle ich das Gebiet und anschließend trage ich den Fortschritt ein.“


Schematische Gehirnillustration auf schwarzem Hintergrund, der blau markierte Hippocampus ist hervorgehoben; Text Hippocampus.

Hippocampus: Verbindungen herstellen

Der Hippocampus unterstützt die Bildung neuer Erinnerungen und deren Einordnung in einen Kontext.

Seine grundlegenden Strukturen entwickeln sich früh. Die Feinabstimmung einzelner Bereiche und die Verbindung mit anderen Hirnregionen setzt sich jedoch bis in die Jugend fort.

Beim Systemlernen verbindet der Hippocampus neue Informationen mit bisherigen Erfahrungen:

„Diese Funktion entspricht ungefähr dem alten Export. Sie befindet sich jetzt nur an einer anderen Stelle.“

Je besser neue Begriffe und Abläufe an Bekanntes anschließen, desto leichter kann ein mentales Modell entstehen.



Schematische Hirnzeichnung mit blau markiertem anterioren cingulären Cortex (ACC) auf schwarzem Hintergrund.

Anteriorer cingulärer Cortex: Abweichungen bemerken

Der anteriore cinguläre Cortex, kurz ACC, ist unter anderem an Konflikt- und Fehlererkennung beteiligt.

Erste Formen der Fehlerüberwachung zeigen sich bereits im Vorschulalter. Die beteiligten Netzwerke entwickeln sich während Kindheit und Jugend weiter.

Beim neuen System registriert der ACC:

„Ich habe das getan, was früher funktioniert hat. Das Ergebnis ist jetzt aber ein anderes.“

Diese Abweichung ist kein Beweis für fehlende Kompetenz. Sie ist zunächst ein Lernsignal.



Schematische Hirnzeichnung auf Schwarz, Basalganglien/Striatum blau markiert; Text: Basalganglien & Striatum.

Basalganglien und Striatum: Routinen bilden

Basalganglien und Striatum spielen eine wichtige Rolle bei Handlungssteuerung, Belohnungslernen und der Entwicklung von Gewohnheiten.

Diese Systeme arbeiten bereits früh. Ihre Vernetzung und die Steuerung komplexer Handlungen verändern sich jedoch über Kindheit und Jugend weiter.

Beim Lernen registriert das Gehirn wiederkehrende Verbindungen zwischen Situation, Handlung und Ergebnis. Durch Wiederholung entsteht aus einzelnen bewussten Schritten allmählich eine Routine.



Gehirn-Illustration auf schwarzem Hintergrund mit markierter Amygdala und dem Text Amygdala.

Amygdala: Relevanz bewerten

Die Amygdala wird häufig verkürzt als Angstzentrum bezeichnet. Tatsächlich bewertet sie emotionale Relevanz und mögliche Gefahren.

Ihre grundlegende Struktur ist bereits bei der Geburt vorhanden. Die Verbindung mit präfrontalen Regionen verändert sich jedoch über Kindheit und Jugend hinweg. (Tottenham und Gabard-Durnam)

In einer Transformation wird eine Veränderung besonders relevant, wenn sie mit möglichen Konsequenzen verbunden ist:

  • Wird meine Arbeit künftig stärker kontrolliert?

  • Werden Fehler sichtbar?

  • Verliert meine Erfahrung an Wert?

  • Verändert sich meine Rolle?


Die Amygdala blockiert den Change nicht. Sie sorgt dafür, dass potenziell wichtige Informationen besondere Aufmerksamkeit erhalten.



Schwarze Gehirn-Illustration mit türkis markierter vorderer Insula und der Beschriftung Anteriore Insula.

Anteriore Insula: Unsicherheit wahrnehmen

Die anteriore Insula ist an der Wahrnehmung von Körpersignalen, Unsicherheit und subjektiver Bedeutsamkeit beteiligt.

Auch sie besitzt kein festes „Fertigstellungsalter“. Besonders ihre Vernetzung mit dem ACC und anderen Bereichen entwickelt sich von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter weiter.

Beim Systemwechsel kann sich Unsicherheit als innere Anspannung, erhöhte Wachsamkeit oder das Gefühl äußern, etwas übersehen zu haben. Unvorhersehbare negative Ereignisse beanspruchen die anteriore Insula besonders. (Alvarez et al.)


Was passiert beim Erlernen eines neuen Systems?


Die Regionen werden nicht wie Stationen auf einem Fließband nacheinander aktiviert. Sie arbeiten überlappend. Trotzdem lässt sich der Lernprozess vereinfacht in fünf Schritte gliedern.


Infografik: Gehirn lernt ein neues IT-System, von Bewerten bis Automatisieren, mit 5 Wochen und blau markierten Bereichen.
KI generiertes fiktives Bild

1. Bewerten

Amygdala und anteriore Insula helfen einzuordnen, ob die neue Situation relevant, sicher und kontrollierbar erscheint.


2. Verstehen

Hippocampus und präfrontale Netzwerke verbinden neue Informationen mit vorhandenem Wissen. Ein erstes mentales Modell entsteht.


3. Bewusst ausführen

Der präfrontale Cortex hält die einzelnen Schritte im Arbeitsgedächtnis. Die Handlung ist zunächst langsam und benötigt Aufmerksamkeit.


4. Abweichungen korrigieren

Der ACC erkennt Konflikte zwischen Erwartung und Ergebnis. Verständliches Feedback ermöglicht die Korrektur des mentalen Modells.


5. Automatisieren

Basalganglien und Striatum unterstützen die Stabilisierung wiederkehrender Handlungsmuster. Durch Übung wird die Ausführung schneller und benötigt weniger bewusste Kontrolle.


„Kennen ist nicht gleich Können.“

Eine Person kann die Prozessbeschreibung kennen und trotzdem noch nicht sicher handeln. Können entsteht erst durch Anwendung, Rückmeldung, Korrektur und Wiederholung.


Paar kocht in warmer Küche neben Fenster, Pflanzen und Tisch; über dem Herd steht elin.
Bildquelle Unplash

Ein neues IT-System zu lernen ist wie Kochen in einer fremden Küche


Stell dir vor, du kannst sehr gut kochen. Du bereitest ein Gericht regelmäßig zu und musst kaum noch über die einzelnen Schritte nachdenken.

Jetzt sollst du dasselbe Gericht in einer fremden Küche kochen – unter Zeitdruck.

Die Zutaten sind vorhanden. Das Rezept ist bekannt. Deine Kochkompetenz ist nicht verschwunden.


Trotzdem musst du plötzlich suchen:

  • In welcher Schublade liegt das Messer?

  • Wie funktioniert der Herd?

  • Welcher Schalter gehört zu welcher Platte?

  • Wo stehen die Gewürze?

  • Welche Pfanne darf auf das Induktionsfeld?

  • Warum reagiert der Backofen anders als erwartet?


Was zu Hause automatisch funktioniert, benötigt nun bewusste Aufmerksamkeit. Jeder Handgriff konkurriert mit der eigentlichen Aufgabe: dem Kochen.

Passiert dabei ein Fehler, bedeutet das nicht, dass du das Gericht nicht beherrschst. Dir fehlt noch die Handlungssicherheit in dieser konkreten Umgebung.

Genau das geschieht bei der Einführung eines neuen IT-Systems.

Die Mitarbeitenden kennen ihre Fachaufgabe. Sie wissen, welche Daten benötigt werden und welches Ergebnis entstehen soll. Neu sind jedoch die Orte, Begriffe, Reihenfolgen und Rückmeldungen des Systems.


Fremde Küche

Neues IT-System

Das Gericht ist bekannt

Die Fachaufgabe ist bekannt

Utensilien liegen an anderen Orten

Funktionen befinden sich an anderen Stellen

Der Herd reagiert ungewohnt

Die Bedienlogik hat sich verändert

Jeder Handgriff benötigt Aufmerksamkeit

Jeder Prozessschritt wird bewusst ausgeführt

Fehler werden direkt sichtbar

Systemmeldungen zeigen Abweichungen

Wiederholung erzeugt Sicherheit

Anwendung erzeugt Routine

Nach einigen Wiederholungen weißt du, wo alles liegt. Du bedienst den Herd ohne langes Nachdenken und kannst deine Aufmerksamkeit wieder auf das Gericht richten.

Die Küche ist nicht objektiv einfacher geworden. Dein Gehirn hat ein verlässliches Modell aufgebaut und neue Handlungsmuster stabilisiert.


Was das für Change-Architektur bedeutet

Eine Systemvorführung zeigt, wo Funktionen liegen. Sie erzeugt noch keine sichere Anwendung.

Organisationen sollten deshalb vier Lernstände unterscheiden:

  1. Informiert: Die Person weiß, dass sich etwas verändert.

  2. Verstanden: Sie kann Ziel und Ablauf erklären.

  3. Angewendet: Sie kann den Prozess mit Unterstützung durchführen.

  4. Beherrscht: Sie kann auch Sonderfälle und Abweichungen selbstständig bearbeiten.


Viele Transformationsprojekte enden nach Stufe zwei und erwarten anschließend Leistung auf Stufe vier.


Damit aus Wissen tatsächliches Können wird, braucht es:

  • praktische Übungsfälle,

  • verständliche Rückmeldungen,

  • erreichbaren Support,

  • Wiederholungsmöglichkeiten,

  • einen sicheren Umgang mit Fehlern,

  • Zeit für die Bildung neuer Routinen.


Fazit

Psychologie erklärt, wie Menschen eine Veränderung erleben, bewerten und in Verhalten übersetzen. Neurowissenschaft macht sichtbar, welche biologischen Systeme an Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Fehlererkennung und Lernen beteiligt sind.

Für IT-Transformationen entsteht daraus ein entscheidender Perspektivwechsel:

Wenn erfahrene Mitarbeitende in einem neuen System langsamer werden oder auf alte Wege zurückgreifen, ist ihre Kompetenz nicht automatisch verschwunden. Häufig versuchen sie lediglich, eine bekannte Fachaufgabe in einer noch fremden Umgebung zu bewältigen.

Die Aufgabe von Change-Architektur ist deshalb nicht nur, das neue System zu erklären.

Sie muss aus einer fremden Küche einen vertrauten Arbeitsraum machen.


Porträt von Silvia mit Brille auf schwarzem Hintergrund; Text: HILSTAYN, Hi! Ich bin Silvia, #PsyTech.
Silvia Hildebrandt, Autorin

Warum fällt erfahrenen Mitarbeitenden ein neues IT-System zunächst schwer?

Ihre fachliche Kompetenz ist weiterhin vorhanden. Allerdings funktionieren automatisierte Handlungsabläufe in der neuen Systemumgebung nicht mehr. Funktionen, Begriffe und Reihenfolgen müssen zunächst bewusst verarbeitet und neu eingeübt werden.


Wie lange dauert es, bis ein neues System zur Routine wird?

Dafür gibt es keine feste Wochenzahl. Die Geschwindigkeit hängt unter anderem von der Komplexität, Nutzungshäufigkeit, Prozessklarheit, Qualität des Feedbacks und den Übungsmöglichkeiten ab. Die Wochenangaben im Prozessbild zeigen deshalb nur einen vereinfachten Lernverlauf.


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